Erstmals in Witten: Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst

Erstmals in Witten: Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst


Johannis feiert Sonntags-Gottesdienst für Menschen mit und ohne Demenz
Witten. Demenz. Ungefähr 7,4 Millionen Einträge erhält man, wenn man bei Google den Suchbegriff eingibt. Und doch weiß man etwa über die Entstehung dieser Erkrankung relativ wenig. Für die Betroffenen und deren Angehörige ist das Thema oft  mit Angst besetzt, denn der vertraute Mensch verabschiedet sich Stück für Stück; nach der Orientierungsfähigkeit verliert der Erkrankte nach und nach sein früher erworbenes Wissen und verändert sich meist auch in der Persönlichkeit. Viel Geduld, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, den Menschen von seiner Krankheit zu trennen sind nötig, um den Alltag mit Demenzkranken zu meistern. Spezielle Gottesdienste mit Dementen in Altenheimen gehen auf die besondere Situation der Patienten ein – in Witten findet jetzt westfalenweit der erste „Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst“ nach dem Lüneburger Modell im Rahmen des ganz normalen Gemeindegottesdienstes am Sonntag, 2. September, statt -  um 10 Uhr in der Johanniskirche, Bonhoefferstr. 10.

„Wenn Menschen eine Kirche betreten, werden sie meist ruhig – der sakrale Ort wirkt beruhigend“, weiß Altenheimseelsorger Christian Holtz aus eigener Anschauung. Im Rahmen seiner Tätigkeit in stationären Einrichtungen der Altenhilfe  in Witten bietet er natürlich Andachten und Gottesdienste für die dort lebenden Bewohnerinnen und Bewohner an – doch die Idee, die Menschen – und ihr Krankheitsbild – zumindest für die Dauer eines Vormittags ins alltägliche Leben der Gemeinde zurückzuholen, arbeitete schon länger in ihm. „In Lüneburg entstand bereits vor zehn Jahren in Kooperation mit der Alzheimer-Gesellschaft das Gottesdienstmodell „Vergiss-mein-nicht“, erzählt der Theologe. „Wir erfinden jetzt das Rad nicht neu – aber wir bringen diese erfolgreiche Idee erstmals nach Westfalen.“

Bei der Gestaltung dieser Gottesdienste wird besonderer Wert auf die kommunikative Atmosphäre gelegt. Die persönliche Begrüßung, der traditionelle Kirchenraum, bekannte Lieder und die Gestaltung von sinnlichen Elementen, die die Gottesdienstteilnehmenden in Kontakt bringt, spielen  dabei eine Rolle. „Natürlich ist die Predigt auch keine 15 Minuten  am Stück – stattdessen gibt es drei bis vier kurze Redebeiträge, die von einem wiederkehrenden Liedruf unterbrochen werden“, beschreibt Christian Holtz die Liturgie und ist sich sicher: „Das wird auch andere Gottesdienstbesucher ansprechen.“

Hinter dem für den Kirchenkreis neuen Angebot steht auch die Erkenntnis, dass Angehörige von Demenzkranken oft selber nicht mehr in den Gottesdienst kommen können und zunehmend isoliert leben. „Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden daheim betreut – und das sorgt leider dafür, dass auch die Angehörigen kaum noch aus dem Haus kommen“, so der Seelsorger. Doch als Kirche wolle man sich natürlich gerade um diejenigen kümmern, die aus nachvollziehbaren Gründen eine geistliche Stärkung besonders nötig haben.
Die Aktiven des geplanten Gottesdienstes sind allesamt routiniert und geschult im Umgang mit dem Krankheitsbild. Dass während der Predigt jemand aufsteht oder dazwischenruft, bringt Christian Holtz nach knapp 20 Jahren  im Altenheim-Dienst schon lange nicht mehr aus dem Konzept. Und die Johannis-Kirchengemeinde hat durch zahlreiche Veranstaltungen mit Behinderten, aber auch mit Geflüchteten reichlich Erfahrung und Flexibilität, auch mal von der Sonntags-Routine abzuweichen.

Neben Christian Holtz bereiten Pfarrerin Helga Wemhöner, Beauftragte für Altenheimseelsorge und Seelsorge im Alter bei der Westfälischen Landeskirche, Diakon Jürgen Jeremia Lechelt und Gemeindeschwester Blazenka Weber-Lorenz diesen besonderen Gottesdienst samt anschließendem Kirchcafé vor. Musikalisch werden sich neben der neuen Kirchenmusikerin Miso Kim auch der CVJM-Posaunenchor und Inga Schulze-Steinen an der Flöte einbringen und traditionelle Melodien und Lieder erklingen lassen, die die älteren Menschen noch aus ihrer Kindheit und Jugend kennen und bei denen sie oft erstaunlich textfest sind. „Weit zurückliegendes Wissen kann oft noch lange abgerufen werden“, weiß Christian Holtz. Und deutet schmunzelnd an: „Eventuell verstecken sich auch beliebte Schlager aus den 50ern im Ablauf.“ Und auch wenn der Gottesdienst in der evangelischen Johanniskirche stattfindet, sind doch alle Interessierten unabhängig von Ihrer Konfession herzlich willkommen.

Besonders freut sich der Theologe, dass die Boecker-Stiftung mit Ihren Häuern „Leben im Alter“ und „Haus am Voß´schen Garten“ ihre Unterstützung zugesagt hat und Bewohnerinnen und Bewohnern die Teilnahme am Gottesdienst ermöglichen wird. Darüber hinaus hat auch die Fachschule für Altenhilfe ihre aktive Unterstützung zugesagt, den etwa 45-minütigen Gottesdienst zu besuchen und die Gemeinde mit helfenden Händen zu unterstützen, was das Vorbereitungsteam besonders freut – und so steht einer neuen Gottesdienst-Tradition im Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten eigentlich nichts im Wege.

Kontakt

Bonhoefferstraße 10 
58452 Witten 
Tel.: 02302 - 9786230 
Fax: 02302 - 9786233

Gemeindebüro:
Sekretärin: Frau Petra Wolter 
Mo. - Do. 9.30 bis 12 Uhr
Mo. + Do. 14 bis 16 Uhr
freitags geschlossen
Email: wolterdontospamme@gowaway.kirche-hawi.de